Rhens am Rhein

Man muss sich das einmal vorstellen: Ab dem Jahre 1273, also im tiefsten Mittelalter, wurde Rhens für mehr als 130 Jahre zum Dreh- und Angelpunkt Deutscher Geschichte. Der Kurverein zu Rhens, bestehend aus sieben Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches, traf sich dort im Bedarfsfalle zur oft heiklen Wahl eines neuen Königs. Manch Tonne Gold soll damals die Wahlvorgänge entscheidend beeinflusst haben. Da vier der sieben Fürsten ihren 1. Wohnsitz am Rhein hatten, lag für sie der Ort Rhens äußerst verkehrsgünstig. Obendrein hatten die „Rheinländer“ von Haus aus meist eine gleichgerichtete Interessenlage. Also bildete man eine (heimliche) Koalition und war fortan Herr des höchst lukrativen Geschehens (frei nach Adenauer: Mer kennt sich, mer hilft sich!). Eine der stets spektakulären und dabei ausnahmslos recht einträglichen Wahlen fand übrigens im Jahre 1346 statt. Karl IV. wurde König und alsbald 16. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Einen besonderen Platz in der Deutschen Geschichte sicherte er sich durch seinen Erlass der Goldene Bulle, dem kaiserlichen Gesetzbuch, das 460 Jahre (!) Bestand hatte. Dass er ebenfalls die Errichtung des sagenumwobenen Königsstuhls in Rhens in Auftrag gegeben hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Nun ist Rhens mit seinen gerade einmal 3.000 Einwohnern nicht unbedingt d e r touristische Hotspot, dazu liegen Koblenz und Boppard auch viel zu nahe auf der Türe. Obwohl, immerhin mehr als 1150 Jahre alt, gehört dieses Städtchen zu den ältesten am Rhein und schmückt sich, neben seiner höchst interessanten Geschichte, mit einer Reihe von historischen Bauwerken. Wir parkten auf einem gebührenfreien (!) Parkplatz unterhalb der Dionysiuskirche und besichtigten diese dann auch gleich vorneweg. Der mehr als 800 Jahre alte Romanische Kirchturm, das Gotische Langhaus sowie die Barocke Ausstattung bekunden schon ein sehenswertes Kulturdenkmal. Vor dem Portal hatten wir dann freie Sicht auf einen Teil der Altstadt und die Stadtmauer, das Fränkische Gräberfeld sowie die St. Theresia-Kirche – bekannt durch ihren Gotischen Sakralbau. Meine Frau und ich staunten nicht schlecht, als wir dann die Altstadt durch eines der gut erhaltenen, historischen Stadttore, dem Kirchtor, betraten. Das Alte Rathaus auf dem Marktplatz begrüßte uns in ochsenblutrotem Fachwerk. Und drumherum lauter farbenfrohe Fachwerkhäuser, eines schöner als das andere. Mit einem Flyer ausgestattet, machten wir uns auf den 1,6 km (!) kurzen Stadtrundgang. Beeindruckend waren die zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten wie etwa der Scharfe Turm, das Deutsche Haus, das Lohgerberhaus oder die Alte Städtische Schule, um nur einige zu nennen. Den überaus legendären Königsstuhl hatten wir uns bis zum Schluss aufgehoben. Da er so ca. 1 km bergauf im Hinterland steht, kam unser Auto (naja) zum Einsatz. Früher, im 14. Jh., stand der Königsstuhl, für die Fürsten und Könige gut erreichbar, direkt am Rhein, wurde dort aber mehrfach zerstört und bekam letztlich diesen neuen Platz. 17 Stufen geht es hinauf auf ein lavasteinernes, brüstungsumgebenes Plateau mit einer sehr schönen Sicht auf Rhens und das Rheintal. Und ja, da oben haben sie also gesessen und gemauschelt, die Kurfürsten. Und die Könige haben sich auf diesem steinernen Thron vom Volke huldigen lassen. Ist schon toll, einmal auf diesen historischen Spuren zu wandeln – und zu sitzen. 

Nach so viel Mittelalter suchten wir uns dann ein schattiges Plätzchen unter einem Baum am Rheinufer. Von dort aus hatten wir, ein Glas trockenen Riesling in der Hand, einen Blick wie aus dem Bilderbuch: Reger Schiffsverkehr auf dem größten Europäischen Strom, am Ufer eine anmutige Schwanenfamilie und gegenüber auf der anderen Seite die trutzige, 800 Jahre alte Marksburg, auf der ein gefangener Prinz noch immer auf seine Befreiung durch eine tapfere Jungfrau wartet…

Foto und Text: Michael Usadel

Erstmals erschienen im „Schleidener Wochenspiegel“ unter der Rubrik „Schon mal dort gewesen?“.

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