Wir befinden uns im Jahre 1631 während des Dreißigjährigen Krieges. General Tilly mit seinem 60.000 Mann starken Kaiserlichen Heer erobert die protestantische Stadt Rothenburg. Tilly, bekannt als gnadenloser und gefürchteter Kriegsherr, befiehlt die Hinrichtung der Ratsmitglieder und die Plünderung der Stadt. Während sie auf den Henker warten, schenkt man Tilly einen Humpen Wein ein. Der gute Tropfen stimmt ihn milde und so verfügt er überraschend, wenn jemand diesen gewaltigen 3 ¼ l großen Humpen in einem Zug leere, werde er seine Befehle zurücknehmen. Altbürgermeister Georg Nusch schafft das fast Unmögliche und rettet damit Stadt und Rat. Fürwahr ein Meistertrunk. Diese berühmte Legende wird jährlich in einem hochkarätigen historischen Festspiel (Schirmherr ist stets der Ministerpräsident von Bayern) lebendig.
Gäste aus der ganzen Welt besuchen Rothenburg im Bayernland. Und auch für meine Frau und mich ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Wir verbrachten ein unglaublich schönes Wochenende im fränkischen Mittelalter. Unser Hotel lag nur wenige Schritte vom markanten „Galgentor“, einem der fünf befahrbaren Stadttore, entfernt. Hatten wir dieses Tor durchschritten, befanden wir uns unmittelbar in der Altstadt, hier beginnend natürlich mit der – „Galgengasse“. Ja, und dann wussten wir nicht, wohin wir zuerst schauen, oder gehen sollten. Diese Altstadt gehört zu Recht zu einer der bekanntesten mittelalterlichen Kulissen Europas. Die ganze Stadt ist ein einziges Postkartenmotiv. Der Akku meines Fotoapparates machte dann auch nach einem halben Tag erschöpft schlapp. Wir waren umgeben von liebevoll gepflegten Fachwerkhäusern mit hohen Giebeln sowie von mehr als 40 Wehrtürmen und Kirchtürmen, was der Stadt bald den Beinahmen „Fränkisches Jerusalem“ einbrachte. Rothenburg versucht auch gar nicht, charmant zu sein, Rothenburg ist charmant! Wir bestaunten die Gerlachschmiede, ein so schönes Fachwerkhaus hatten wir bisher noch nicht gesehen. Ehrfürchtig standen wir in der prächtigen gotischen Pilgerkirche St. Jakob vor dem „Heilig-Blut-Altar“ von Tillman Riemenschneider. Wir schlenderten über Teile der fünf Kilometer langen, fast überall begehbaren, unglaublich beeindruckenden Stadtmauer und konnten uns an den verwinkelten Gassen, Fachwerkhäusern, roten Dächern und all den anderen Sehenswürdigkeiten nicht satt sehen. Dass man in dieser Stadt keine Pumps trägt, versteht sich bei dem durchgängigen Kopfsteinpflaster schon mal von selbst. Wer aber seine Unterbringung mitten im Ort gebucht hat, hat obendrein Gelegenheit, auf den Straßen die Güteklasse seiner Rollkoffer mit mehr oder weniger Erfolg zu testen. Wir besichtigten den Marktplatz mit seinem monumentalen Rathaus im Stil der Renaissance und die Ratstrinkstube gleich nebenan mit ihrer Kunstuhr, die stündlich den Meistertrunk zeigt. Eigentlich ist es völlig egal, wo man langläuft, an jeder Ecke gibt es was zu entdecken. Überall ist es mittelalterlich schön. So eine malerische Stadt wähnt man eigentlich nur im Märchen. Und irgendwann standen wir vor dem bekanntesten Fotomotiv der Stadt, dem Plönlein. Übersetzt: „Kleiner Platz“. Ein bezauberndes Ensemble aus einem Brunnen, einem etwas schiefen Haus, dem Siebersturm und dem Kobolzeller Turm. Meine Begeisterung kannte keine Grenzen. Schon gar nicht in der „blauen Stunde“, eine abendliche Lichtstimmung, die von Fotografen sehr geschätzt wird. Dieser spektakulären Romantik folgte dann die beeindruckende Doppelbrücke im Tal der Tauber. Ein markantes historisches Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert mit zwei aufeinander stehenden Bogenreihen. Ein tolles Fotomotiv mit Rotenburg im Hintergrund.
Wir haben noch viel mehr gesehen. So z. B. das Weihnachtsdorf, das Kriminalmuseum, das Topplerschlösschen oder die St. Wolfgangskirche. Alle diese von den vielen Türmen bewachten Kostbarkeiten waren einen Besuch wert. Wir erlebten ein stolzes Mittelalter-Flair in weltberühmter Silhouette.
Erstmals erschienen im „Schleidener Wochenspiegel“ unter der Rubrik „Schon mal dort gewesen?“.













